Emelys Vater

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 Aus meinem „schwulen Tagebuch“

Es war in der Woche vor dem 22.September 2004. Meine Frau und ich hatten Streit. Wegen irgendwas, keine Ahnung mehr, um was es ging. Es war an diesem Abend nicht zu klären. Wir gingen ins Bett. Licht aus. Plötzlich fragte sie mich, ob ich eine andere Frau hätte. Ich verneinte. Dann die Frage, die ALLES verändert hat: „Bist du schwul?“ Ich konnte erst gar nichts sagen. Pause–.

Dann: „Ich weiß es nicht“. Ich konnte nicht nein sagen. Dann Tränen über Tränen. Tränen, die ich nicht weinen konnte. Schon jahrelang nicht mehr.

Plötzlich ist es raus. Ungeplant. Ungewollt. Ich bin selbst überrascht!

Ein Gedanke, ein Gefühl, vergraben in der Tiefe meines Unterbewusstseins. Jahrelang. Mit 37 Jahren kommt es hervor.

In der Pubertät hatte ich zwar mal Kontakte mit Jungs, was ich aber als pubertäre Spielchen abtat. Hatte ich mich selbst nicht ernst genommen?

Wir hatten eine schöne Ehe. Die ersten Jahre voller Glück trotz fehlendem Geld und aller äußerlicher Widrigkeiten. Dann der schönste Moment in meinem Leben: die Geburt meiner Tochter. Ich liebe sie über alles.

Die Ehe wird Routine, mit Höhen und Tiefen – wie in jeder Ehe. Bis zu diesem Moment. Alles wird anders. Das Thema „Schwul – sein“ ist da und lässt sich nicht mehr ins Unterbewusstsein vergraben. Nächtelang reden wir miteinander, suchen nach Lösungen, verstehen uns, streiten uns.

Und obwohl ich noch nie Sex mit einem anderen Mann hatte, weiß ich, dass ich schwul bin, „mindestens bisexuell“ versuche ich zu relativieren.

Dann war ich zum ersten Mal im Waldschlösschen, machte die Bekanntschaft von so vielen schwulen Vätern und machte die Erfahrung, ich bin nicht allein.

Es gab noch einige verzweifelte Versuche unsere Ehe, die Familie zu retten: Umzug in ein Haus, Beratung und Therapie einzeln und gemeinsam, bis nichts mehr ging. Ich musste nicht mehr entscheiden, nur noch aussprechen: ich ziehe aus. Fange neu an. Gebe mir selbst und letztlich auch meiner Frau noch einmal eine Chance. Doch bevor man dies als Chance begreift verliert man erst einmal ALLES. Ist am Ende.

Diese Zeit im Umbruch bis zum Auszug war die schwerste Zeit meines Lebens. Und ich und meine Frau zerbrachen uns den Kopf, wie und ob wir unserer Tochter etwas sagen sollten. Etwas sagen von unseren Problemen mit denen wir selbst nicht klar kamen. Sie war 12 Jahre. Nicht mehr Kind, nicht erwachsen. Aber das spielt -glaube ich- keine Rolle. Wir haben es ihr nicht gesagt, denn wir wussten ja selbst nicht wie alles weitergeht. Wir hätten sie nur unnötig belastet. Erst als klar war, dass ich ausziehe und dass wir unsere Beziehung als Paar – nicht als Eltern – beenden, sagten wir es ihr. Wir nahmen es uns vor an diesem Tag:

Es war ein wunderschöner Tag im Sommer und wir fuhren (weil Sommerferien waren) ins Waldschwimmbad. Es war herrlich dort und wir schwammen und ich sprang mit meiner Tochter (was ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr traute) vom 3-Meter-Brett ins Wasser. Und tauchte wieder auf! Wir hatten Spaß miteinander und als wir zuhause waren, sagte meine Frau: „Komm, lass uns den schönen Tag nicht verderben, wir sagen es heute nicht.“ Und ich sagte: „Gerade weil dies ein schöner Tag ist, werden wir bzw. ich es jetzt sagen“

Ich rief sie aus ihrem Kinderzimmer, sagte, wir müssten mal mit ihr reden. Sie saß im Sessel vor uns, wir Eltern auf der Couch. Und ich erzählte ihr von meinen Gefühlen, dass ich gemerkt habe, dass ich auf Männer stehe. Sie fragte nur: „Heißt das, dass ihr euch trennen werdet?“ Und wir bejahten. Sie lief heulend in ihr Zimmer und es zerriss uns das Herz. Wir gingen ihr nach einer kurzen Weile nach, sprachen miteinander, drückten uns, weinten zusammen.

Aus meiner Sicht, war das Wichtigste, das wir ihr sagen konnten, was nun passiert: Ich nehme mir eine Wohnung in der Nähe, sodass sie jederzeit zu mir kommen kann, sie hat bei mir ein Zimmer, ist an den Wochenenden alle 14 Tage bei mir und unter der Woche einen Tag.

Viel Gewohntes bleibt erst mal. Das ist Wichtig.

Mittlerweile wohnt meine Tochter seit fast 2 Jahren bei mir. Wir kommen gut zurecht und sie besucht ihre Mutter alle 14 Tage 60 km entfernt übers Wochenende. Sie hat entschieden bei mir zu bleiben. Will hier ihre Schule fertig machen, obwohl ich ihr nicht sagen kann, wie lange ich noch hier sein werde, da ich auf Grund meines Schwulseins meinen Beruf wechseln muss.

Ich warte bis heute auf den großen Einbruch, schulischen Misserfolg, psychische „Störungen“.

Stattdessen stelle ich fest, dass sie an Selbstständigkeit und Selbstvertrauen gewonnen hat, offen ist für „anderes“, ehrlich ist und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelt hat.

Sie musste vieles Verstehen, Entscheiden, Aushalten, was andere in ihrem Alter vielleicht nicht mussten, aber sie wächst daran und ich bin unendlich stolz auf sie!